Gender Studies als Orte transnationaler Begegnungen

07.02.2012 | Laura Masuch
Veronika Wöhrer forscht im Rahmen eines Universitätsprojekts zur Zirkulation von Wissensbeständen zwischen Europa und dem globalen Süden zum Thema "Gender Studies als Orte transnationaler Begegnungen?" Im Rahmen eines Forschungskolloquiums am Institut für Internationale Entwicklung stellte sie ihre Habilitationsarbeit vor.

Forschungskontext

Die marginale Repräsentation von ForscherInnen und TheoretikerInnen des globalen Südens in der Wissensvermittlung westlicher Industrienationen ist ein Phänomen, für das es seit geraumer Zeit ein Problembewusstsein im akademischen Bereich gibt. Auch umgekehrt wird die Dominanz westlicher Ansätze in Forschung und Lehre dieser Länder kritisiert.

Veronika Wöhrer forscht innerhalb des Projekts "Universalität und Akzeptanzpotential von Gesellschaftswissen: Zur Zirkulation von Wissensbeständen zwischen Europa und dem globalen Süden" an der Universität Freiburg. Sie untersucht den Wissenstransfer zwischen den USA und Indien, speziell am Beispiel der "Gender" bzw. "Women's Studies". Im Rahmen ihrer Habilitation beschäftigt sie sich mit folgenden Fragen: In welchem Ausmaß zirkulieren Konzepte der "Gender Studies" zwischen den USA und Indien? Wie werden sie rezipiert oder adaptiert? Sind sie in einschlägigen Journals im jeweils anderen Land vertreten? Was sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten? Veronika Wöhrer, die bereits Feldforschung in beiden Ländern betrieben hat, schildert ihre ersten Eindrücke und verweist auf potentielle Vertiefungsbereiche des Themas.

Indien relativ autonom

Indiens Wissenschaft und Lehre ist laut der Forscherin relativ autonom. Im Vergleich zu postsozialistischen Ländern, wo die eigenen Forschungen und Theorien gegenüber Ansätzen aus westlichen Industrienationen in einer klaren Abseitsposition stehen, würden in Indien eigene Ideen gegenüber US-amerikanischen im akademischen Umfeld bevorzugt. Teilweise würden "westliches" Wissen und Theorien sogar bewusst abgelehnt oder von indischen AkademikerInnen als irrelevant bzw. "übergestülpt" erfahren.

Historische Entwicklung der "Women's Studies" in Indien

Emanzipatorische Ansätze und die Beschäftigung mit Frauen- und Geschlechterthemen haben in Indien Tradition: Im Bezug zu Kastenfragen gab es bereits erste Bewegungen des "Dalit Feminism" in den 1930er-Jahren. (Dalits: Angehörige einer stigmatisierten Gesellschaftsschicht, die aufgrund von ethnischen Kriterien aus dem indischen Katensystem exkludiert wurden. In der Alltagssprache werden sie als "Unberührbare" bezeichnet.) Teilweise können hier Parallelen zu Konzepten des "Black Feminism" aus den USA festgestellt werden.

Im Zuge der indischen Unabhängigkeitsbewegung und nach Erlangen staatlicher Autonomie wurde die gesellschaftliche Rolle und Situation der indischen Frau in den 1960er- und 70er-Jahren neu diskutiert. Auch in öffentlichen Institutionen setzte ein Umdenken ein.

Aufsehen erregte 1974 das Resultat des Reports "Towards equality", der auf ein von der UNO gefördertes Forschungsprojekt zur Situation von Frauen zurückgeht. Er belegte, dass sich die Situation von Frauen nach der Unabhängigkeit verschlechtert hatte: Ein Großteil der indischen Frauen war von manifester Armut, Vernachlässigung oder Diskriminierung betroffen. Im Anschluss an dieses Forschungsergebnis wurde eine neue, öffentlich geförderte Schwerpunktpolitik im Bereich Frauen und Geschlechteregalität umgesetzt: das "Women's Studies Program" des Indian Council of Social Science Reseach (ICSSR) wurde ins Leben gerufen und 1981 die erste "National Conference on Women's Studies" abgehalten, die bis heute alle drei Jahre stattfindet.

Das "Women's Studies Program" hat zum Ziel, geschlechtergerechte Perspektiven für alle Ebenen und Disziplinen an Universitäten zu entwickeln und arbeitet mit einer Kombination aus Forschung, Lehre und anderen Aktivitäten interventionistisch und transdisziplinär. 1980 wurde auch das außeruniversitäre "Centre for Women's Development Studies in Delhi" gegründet. Es zählt bis heute zu einer der renommiertesten Forschungseinrichtungen in diesem Bereich.

"Gender Studies" vs. "Women's Studies"

Im Vergleich zu den USA fällt in Indien eine andere Schwerpunktsetzung und ein Unterschied in Begrifflichkeiten auf: Statt den in den USA üblichen "Gender Studies", wird dort eher "Women's Studies" verwendet. Der Begriff "Development", der in westlich-orientierter Wissenschaft umstritten ist, wird häufig damit verknüpft. Da in Indien existenzielle Nöte und Armut im Fokus der Betrachtung stehen, käme die Debatte laut indischen WissenschaftlerInnen nicht um "Development" herum. Der Begriff wird zwar auch in Indien kritisiert, es gäbe aber keine adäquate Alternative dafür.

Probleme der Transdisziplinarität

"Women's Studies" in Indien sind im Vergleich zu den USA stärker transdisziplinär ausgerichtet. Die große Reichweite und hohen Ansprüche des ICSSR Programms haben aber nicht nur Vorteile. Eigene Studiengänge dazu sind nur marginal vertreten, die Wirkungsmacht der "Women's Studies"-Abteilungen hänge von den Ambitionen der einzelnen Universitäten und MitarbeiterInnen ab: Durch das Fehlen eigener Institute sei die Umsetzung geschlechtergerechter Ansätze teilweise nur sehr oberflächlich. Andere Kritikpunkte betreffen die Erforschung von Themen wie geschlechterspezifische Armut: der Diskurs bleibe oft elitär und die von Armut betroffenen Frauen von der Wissensproduktion ausgeschlossen.

In den USA  werden konkrete indische Erfolgsmodelle, wie die Einführung von Frauenquoten auf regionalen und lokalen Politikebenen, kaum akademisch rezipiert. Auch indische Wissensprodukte sind wenig bis gar nicht präsent. Wir dürfen auf die Ergebnisse von Veronika Wöhrer zu den Hintergründen gespannt bleiben.

Schlussdiskussion

Im Anschluss an das Forschungskolloquium wurden Anregungen geäußert und Fragen zu den Begrifflichkeiten und zur Methode diskutiert. Es kam beispielsweise die Frage auf, ob im Rahmen der "Gender Studies" auch Raum für das Thema "Queer" sei und ob Intersektionalität genügend berücksichtigt werde. Kritisiert wurde die implizite Homogenisierung der sehr unterschiedlichen indischen Regionen durch Wöhrers vorläufiges Forschungsdesign.


Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien.
Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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