Österreichische Gewerkschaftsrealität — ein gallisches Dorf?
International sei ein Zurückdrängen gewerkschaftlichen Einflusses zu konstatieren, nur Österreich erscheine laut offiziellem Bild wie ein „gallisches Dorf”, so die AutorInnen in der Einleitung. Wider angeblicher Kontinuität sozialpartnerschaftlicher Mechanismen skizziert die vorliegende Studie „ein differenziertes Bild der Erosion von Durchsetzungsfähigkeit sozialpartnerschaftlicher Praxis”. Damit fülle das Buch eine entscheidende Lücke innerhalb bestehender Forschungen zu Gewerkschaften in Österreich. Der Kern des Problems würde angepackt, nämlich die veränderten Verhältnisse, in denen Gewerkschaften und Betriebsräte agieren würden. Von Bedeutung sei ein methodisches Vorgehen, welches die Realität von BetriebsrätInnen in den Blick nehme. Dafür wurden im Rahmen einer zweijährigen Forschung problemzentrierte Leitfadeninterviews mit RegionalsekretärInnen und SekretärInnen des Wirtschaftsbereichs aus zwei Bundesländern und Betriebsratsmitgliedern eines Konzerns im Lebensmitteleinzelhandel durchgeführt. Die vierteilige Struktur — theoretische Ausgangspunkte, Spezifizierung des Handlungsfeldes, Fallstudie Handel und Problemanalyse — führen die lesende Person in gut verständlicher Sprache, klar strukturierten Kapiteln und gut nachvollziehbarer Darstellung der Theorie und Empirie durch das relativ lang geratene Buch.Theorie als Praxis — Praxis als Theorie
Im Sinne einer „eingreifenden Forschung” nehmen die AutorInnen keinen neutralen Analysestandpunkt gegenüber der von ihnen erforschten Realität ein. Vielmehr wurden die theoretischen Konzepte und Begriffe gemäß der Forschungsrealitäten modifiziert. Der theoretische Bezugsrahmen ist vielfältig und reicht von Ansätzen des Critical Realism, der Kritischen Politischen Ökonomie, Regulationstheorie, Hegemonietheorie und Schriften von Marx und Engels über die kritische Raumtheorie hin zur kritischen Arbeitssoziologie. Davon ausgehend wird der analytische Rahmen konzeptualisiert, wobei zwei zentrale Begriffe im Mittelpunkt stehen: Zum einen jener der Machtpotenziale, zum anderen jener der Bürokratie. Ersterer weist auf die verschiedenen Möglichkeiten der Machtausübung von Gewerkschaften, BetriebsrätInnen und ArbeitnehmerInnen hin. Aufgrund der Sozialpartnerschaft stehe die institutionelle Macht im Zentrum gewerkschaftlichen Handelns, so die AutorInnen.Dies führt uns zum zweiten bedeutsamen Begriff, jenem der Bürokratie. Diesen betten die AutorInnen in die Funktionsweise kapitalistischer Systeme ein und verstehen darunter ein Herrschaftsverhältnis. Die sozialpartnerschaftliche Realität habe dazu geführt, dass sich auf gewerkschaftlicher und betrieblicher Ebene alles um Bürokratie und die ‚richtige‘ Auslegung des Rechts drehe. Darüber hinaus habe sich die Bedeutung von Vertrauensverhältnissen eingebürgert. Angesichts veränderter globalisierter und neoliberalisierter Verhältnisse würden diese Praxisformen jedoch an Bedeutung verlieren und BetriebsrätInnen vor neue Herausforderungen gestellt.
Totale Bürokratisierung — Das läuft ja wie am Fließband!
Filialisierung, Zentralisierung, Zeitausgleich: Der Lebensmitteleinzelhandel stellt ein Parade-Beispiel neoliberaler Umstrukturierung von Betrieben dar. Was bedeutet dies nun für die Machtposition von BetriebsrätInnen? Gesellschaftliche Konflikte seien von der makropolitischen hin zur betrieblichen Ebene verlagert worden, meinen die AutorInnen. Dies habe zu einer „totalen Verrechtlichung” geführt, wobei die Seite der ArbeitnehmerInnen aufgrund der Erosion sozialpartnerschaftlicher Mechanismen schlechter dastehe. Es sei eine Offensive der ArbeitgeberInnen zu verzeichnen, die unter Bezugnahme von Recht und angeblich neutralen wirtschaftlichen Sachzwängen Personalkürzungen, Arbeitszeitveränderungen und Umgehungen von Kollektivverträgen vornehmen würden. Dem gegenüber würden BetriebsrätInnen im ‚Strom der totalen Verrechtlichung‘ mitschwimmen, anstatt neue Machtpotenziale auszuschöpfen. Dies zähme jedoch die Wut der Beschäftigten, den es jedoch benötige, um „gegen die Rationalität der Betriebsbürokratie“ vorzugehen, meinen die AutorInnen.Wut kanalisieren anstatt domestizieren!
Betriebsräte bewegen sich laut den AutorInnen in einer endlosen bürokratischen Schleife. Das Verhältnis zwischen BetriebsrätInnen, Gewerkschaften und Beschäftigten sei ein stark funktionalistisches, von Serviceleistungen, rechtlicher Beratung und paternalistischem Verhalten geprägt. Die zentrale Rolle von BetriebsrätInnen gleiche einem Puffer, der dazu diene, Härtefälle abzuschwächen, doch dabei bleibe es. Die vorliegende Analyse erscheint mir daher vor allem für jene interessant, die sich für die Spezifika österreichischer Gewerkschaften und die Gründe für ihre ,Gelähmtheit’ angesichts neoliberaler Sparpolitiken und Umstrukturierungen interessieren.Doch die Analyse dient nicht nur einer analytischen Bestandsaufnahme. Wie schon erwähnt, betonen die AutorInnen die Bedeutung der Kanalisierung der Wut der Beschäftigten anstatt der tagtäglichen Domestizierung durch bürokratische Abläufe. Die Analyse verdeutlicht, dass die Belegschaft sowohl von Betriebsräten als auch von Gewerkschaften im Großen und Ganzen außer Acht gelassen wird. Doch diese gelte es laut den AutorInnen zu organisieren, denn Gewerkschaften seien nur so stark wie ihre Basis. Dafür benötige es einer Re-Artikulation demokratischer Praxis an der Basis, sprich der Belegschaft. Dazu brauche es autonome Räume, an denen eine „Kollektivierung von Konfliktfähigkeit auf betrieblicher Ebene” gelernt werden könne.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Freire Zentrums.
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Becksteiner, Mario / Steinklammer, Elisabeth / Reiter, Florian: Betriebsratsrealitäten. Betriebliche Durchsetzungsfähigkeit von Gewerkschaften und Betriebsräten im Kontext der Globalisierung. Wien 2010: ÖGB Verlag.
Einer „Herrschaft des Büros” sei die Arbeit von Betriebsräten und Gewerkschaften in Österreich verschrieben. Grund dafür: Die jahrzehntelange Tradition der Sozialpartnerschaft in Österreich. In dem hier rezensierten Buch „Betriebsratsrealitäten. Betriebliche Durchsetzungsfähigkeit von Gewerkschaften und Betriebsräten im Kontext der Globalisierung” (2010) analysieren Mario Becksteiner, Elisabeth Steinklammer und Florian Reiter die Machtpotenziale von Gewerkschaften und Betriebsräten angesichts neoliberaler Verhältnisse.






