Ernährungssouveränität: Für eine andere Agrar- und Lebensmittelpolitik in Europa

13.01.2012 | Laura Masuch
article_1208_ernaehrungssouveraenitaet_150.png 2013 wird eine neue gemeinsame EU-Agrarpolitik (GAP) beschlossen. Das Buch „Ernährungssouveränität“, herausgegeben von Gérard Choplin, Alexandra Strickner und Aurélie Trouvé, ist ein Manifest für ein radikales Umdenken in der Agrarpolitik, das sich für eine alternative, gerechte und gesunde Form der Landwirtschaft einsetzt. Eine Rezension.

Die EU-Agrarpolitik

Die Europäische Union wird seit Jahrzehnten für ihre Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) kritisiert. Trotz steigender Ausgaben müssen Kleinbetriebe und traditionelle LandwirtInnen um das Überleben kämpfen, während GroßgrundbesitzerInnen und landwirtschaftliche Industriebetriebe großzügig subventioniert werden. Zusätzlich werden Märkte in Ländern, die nicht die Möglichkeiten haben, ihre eigenen landwirtschaftlichen Produkte stark zu subventionieren, von den künstlich konkurrenzfähig gemachten Agrarprodukten aus Europa überschwemmt. Schuld an diesen Missständen ist vor allem die GAP, die seit den Gründerjahren der Europäischen Union kaum verändert wurde und insofern immer noch auf den Mangelerfahrungen aus dieser Zeit basiert. Tiefgreifende Reformen der GAP wurden bis heute von mächtigen Lobby- und Interessensgruppen sowie durch die Exportorientierung der Europäischen Wirtschaftspolitik verhindert. Die Finanzspekulationen der letzten Jahre, nicht zuletzt mit Lebensmitteln und Agrarprodukten, haben die Situation noch verschlimmert.

2013 soll eine neue EU-Agrarpolitik beschlossen werden. Dies wäre die Chance für eine wirkliche Reform und eine Neuausrichtung der GAP hin zu einer Landwirtschaftspolitik, die sich nicht an Wirtschaftsinteressen, Exportzahlen und Effizienzsteigerung orientiert.

Ein aufklärerisches Ziel - Ernährungssouveränität

Die diversen AutorInnen, die am Buch „Ernährungssouveränität – Für eine andere Agrar- und Lebensmittelpolitik in Europa“ mitgearbeitet haben, sind allesamt erfahrene AktivistInnen und LandwirtschaftsexpertInnen. Sie stammen hauptsächlich aus dem Umfeld von attac und der Europäischen Koordination Via Campesina, die 2008 aus der Europäischen Bauernkoordination (CPE) und Verbänden von Via Campesina in Europa entstand. Ihr Ziel ist es aufzuzeigen, dass die GAP grundlegend zu revolutionieren ist. Sie schlagen Alternativen vor und fordern eine ökologisch verantwortliche, faire, unabhängige und gesunde Landwirtschaft.

Im Mittelpunkt der Forderungen steht als alternativer Grundsatz das Konzept der Ernährungssouveränität. Es wurde als Reaktion auf das Abkommen der World Trade Organisation (WTO) von 1994, welches das neoliberale Modell der weltweiten Agrarpolitik noch verfestigte, eingeführt und geht in seinen Ursprüngen auf die internationale Organisation von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern Via Campesina zurück.

Ernährungssouveränität als Konzept bedeutet, dass die Organisation der Ernährung und Landwirtschaft aus den Händen großer Industriebetriebe wieder in die von BürgerInnen und KonsumentInnen gegeben wird. Nationale oder regionale Landwirtschaft soll wieder souverän und vielfältig sein dürfen. Damit einher geht die Pflicht, die Landwirtschaft anderer Staaten in keiner Weise zu beeinträchtigen. Ernährungssouveränität ist ein Konzept, dessen Ziele in Zeiten der industriellen Landwirtschaft, dem stärker werdenden Druck großer Konzerne und der Einführung von Gensaatgut weltweit fast schon utopisch anmuten.

Fakten und Informationen

Im Buch werden wichtige Fakten und Informationen anschaulich dargestellt. Auch für Laien verständlich beleuchten die AutorInnen die Entwicklungen, die zur heutigen Situation geführt haben, klären auf, welche Lobby- und Interessensgruppen hinter der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik stehen und welche Auswirkungen diese in verschiedenen Bereichen hat. So werden ökologische Auswirkungen von Massentierhaltung und Gensaatgut, aber auch die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte in Europa und in anderen, vom europäischen Markt abhängigen Ländern dargelegt. Obwohl die Problematik der heutigen Landwirtschaftspolitik aus diversen Perspektiven dargestellt wird, ist dem roten Faden leicht zu folgen und der Blick für das große Ganze bleibt erhalten.

Aus diesem Buch wird ersichtlich, dass in der Agrarpolitik Weitblick gefragt ist: Gerade in einer globalisierten Welt müsse mit einem so wichtigen Thema wie unserer aller Ernährung sensibel und verantwortungsvoll umgegangen werden. Ganzheitliche Ansätze seien nötig. Zur Umsetzung von nachhaltigen Reformkonzepten sei jedoch zuerst die umfassende Information und Mobilisierung von BürgerInnen und KonsumentInnen notwendig, um der heutigen Landwirtschaftspolitik und ihren VerfechterInnen etwas entgegensetzen zu können. Erst dann könne auch realpolitisch etwas bewegt werden.
Dieses Buch ist ein Beitrag dazu – ob als Manifest, Nachschlagewerk oder Einführung.


Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien.



Choplin, Gérard / Strickner, Alexandra / Trouvé, Aurélie (Hg.): Ernährungssouveränität. Für eine andere Agrar- und Lebensmittelpolitik in Europa. Wien 2011: Mandelbaum .
128 Seiten / Format 12 x 19 / englische Broschur / 9.90 €
ISBN: 978385476-346-8.

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