Kosmetikprodukte, die die Haut aufhellen, sind sehr populär in Tansania. 222 der unzähligen Produkte am Markt sind aufgrund ihrer stark gesundheitsschädlichen Wirkung eigentlich verboten, werden aber trotzdem vertrieben. Katharina Fritsch zitiert einen Kosmetikhändler: All the rich people are in the cosmetic business. There is no other business like the one of cosmetics which brings as much money as this one. Körperpraktiken sind ein Produkt von Machtverhältnissen und durch Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft geformt. In der Hauptstadt Dar-Es-Salaam spiegelt die Hautfarbe den sozioökonomischen Status der Menschen wider und bestimmt ihre Möglichkeiten.
Geschäft mit Bleichmittel, Foto: Katharina Fritsch
Als weiße Forscherin im aufgehellten Tansania
Enlightening Tanzania: An analysis of power relations using case studies of Tanzanian women bleaching their skin, so lautet der Titel der Diplomarbeit, mit der Katharina Fritsch den Magistertitel der Politikwissenschaft erlangt hat. Des Weiteren hat sie Internationale Entwicklung studiert. Derzeit arbeitet sie an einem Konzept für ihre Dissertation, in der sie auch Fragen ihrer Diplomarbeit weiterverfolgen will. Sie schreibt für diverse politische und gesellschaftskritische Medien und ist auch Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Im Sommer 2010 forschte sie in Dar-Es-Salaam (siehe auch eigener Forschungsbericht). Sie führte dort qualitative Interviews mit Frauen der Mittelklasse durch, die Bleichmittel verwenden, sowie mit Menschen, die diese vermarkten und verkaufen. Zusätzlich analysierte sie visuelles Werbematerial.
Method + Theory = Metheory
Weißsein als flexible Kategorie
Anhand bestimmter Analysekategorien von Foucault untersuchte die Politikwissenschaftlerin die Konstruktion von Weiß- bzw. Hellsein in Tansania. Da Machtverhältnisse laut Judith Butler auf Wiederholungsprozesse angewiesen sind, analysierte Fritsch die historische Entwicklung der Diskurse und blickte dafür zurück ins 18. Jahrhundert. Diese Epoche bezeichnete sie als koloniales, patriarchales, bürgerliches Setting. Machtverhältnisse wurden damals aufgrund von Rasse, Klasse und Geschlecht von den Humanwissenschaften biologistisch legitimiert und Weißsein wurde als Norm definiert. Doch das Weißsein sei eine leere Kategorie, die je nach Kontext mit Inhalten gefüllt und rekonstruiert werden könne, betonte Fritsch.
Im heutigen neoliberalen, neokolonialen und patriarchalen Setting bestimme das Zusammenspiel von Rasse, Klasse und Geschlecht noch immer die Machtverhältnisse, aber dieses haben sich verändert. Das gesellschaftliche Ideal sei nun der homo oeconomicus. Die weiße Hautfarbe bleibe die Norm, man könne sich ihr jetzt aber mittels Hautbleichen annähern. Der homo oeconomicus sei somit auch für vormals Andere, also Frauen und nicht-weiße Menschen, zugänglich (wobei Männer, die Haut bleichen, in Tansania die Ausnahme sind). Aber er müsse durch Körperpraktiken performativ hervorgebracht werden. Weiß- bzw. Hellsein werde zur Ware. Diese Ent-Naturalisierung erfahre nun eine Gegentendenz, die Re-Naturalisierung. Besonders Frauen der Oberklasse wollen natürlich hell sein unter Vermeidung gesundheitsschädlicher Auswirkungen. Dieser Wunsch wurde vom Marketing der Kosmetikbranche aufgenommen und reproduziert. Es finden sich am Markt bleaching, lightening und softening creams. Letztgenannte machen so die Kosmetikfirmen die Haut nur weich und richten keine Schäden an. In Wirklichkeit liegt der Unterschied vor allem im Preis. Die Preisklassen der Produkte spiegeln die sozioökonomische Klasse wider, der die Konsumentin angehört.
Werbung in der Zeitung "The Citizen", Saturday, 14.08.2010: 4
Hellsein als Widerstand gegen Weißsein?
Katharina Fritsch hinterfragte die herrschende Sichtweise, die Hautbleichen pauschal mit Rassismus in Verbindung bringt. Ein wesentliches Forschungsziel bestand darin, neben den Kontinuitäten besonders die Brüche in den Machtverhältnissen auszuloten. So sei die Unterscheidung zwischen Weißsein und Hellsein essentiell. Viele befragte Frauen gaben an, nicht weiß sein zu wollen, sondern nur etwas heller: I leave my origin a bit. Die Distanzierung von einem europäischen Weißsein kann laut Katharina Fritsch als gestärktes afrikanisches Selbstbewusstsein gedeutet werden. Hellsein stellt eine Subjektivierungsform innerhalb von Schwarzsein und eine Absage an Weißsein als Norm dar, so ihre zentrale These. Bleichen als widerständige Praxis zu verstehen ist eine Sichtweise, die bestimmt nicht unumstritten, aber vielleicht nur gewöhnungsbedürftig sei. Fritsch hinterfragte in ihrer Forschungsarbeit Schwarz-Weiß-Kategorisierungen und verteidigte Zwischentöne: Methode und Theorie können auch zu einer Metheory verschmelzen. Vermeintliche Ausdrücke von Herrschaft können widerständige Praxen sein. Und zwischen black und white existiere auch ein afrikanisches yellowish.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
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