Das JungforscherInnen Forum auf der Entwicklungstagung

06.12.2011 | Koshina Switil
Einen geografisch weiten Bogen spannten die fünf Präsentationen der JungforscherInnen am letzten Tag der diesjährigen Entwicklungstagung und nahmen das Publikum mit auf eine Reise von Südamerika bis nach Afrika.
Im Vorfeld der Tagung hat der Mattersburger Kreis junge ForscherInnen dazu aufgerufen, wissenschaftliche Beiträge zum Themenfeld der Tagung einzureichen. Fünf von ihnen wurden von einer Jury ausgewählt und am Sonntag Vormittag, dem 16. Oktober 2011, präsentiert. Birgit Englert (Mattersburger Kreis) hat das vielfältige Forum moderiert.

Zwischen Staat, Familie und Selbstorganisation

 martina.JPG Martina Bergthaller wählte als Forschungsgebiet eine Amazonasprovinz in Ecuador und beschäftigte sich mit Fragen zur sozialen Sicherung. Sie zeigte Erfolge und Schwachstellen des Bono de Desarrollo Humano, einem ecuadorianischen staatlichen Sozialtransfer, auf. Der Sozialtransfer (35$/Monat) erreiche zwar insgesamt viele Haushalte, in abgelegenen Gebieten hätten jedoch mangels fehlender Infrastruktur keine Befragungen stattgefunden. Ein Manko sei auch, dass die Auszahlung nur über Banken in den Provinzhauptstädten erfolgte, was für die Betroffenen Tagesreisen und zusätzlichen finanziellen Aufwand bedeutete.
Privatinitiativen und informelle Netzwerke, wie Familie, FreundInnen und Nachbarschaft, seien somit für die BewohnerInnen abgelegener Regionen umso wichtiger. Um größere Erfolge zu erzielen, sei es notwendig, die selbstorganisierten Strukturen, Privatinitiativen sowie informellen Netzwerke in die Bemühungen zum Bono de Desarrollo Humano miteinzubeziehen bzw. auf sie aufzubauen, so Bergthaller abschließend.

Humanitäre Motive und/oder nationalstaatliche Interessen?

 johanna.JPG Johanna Damböck beschäftigte sich in ihrer Forschung mit der humanitären Intervention in Darfur. Sie skizzierte einen kurzen historischen Abriss der letzten Entwicklungen, ehe sie auf die auffallenden Bemühungen und Nicht-Bemühungen einzelner Länder einging. Dafür machte sie ökonomische Interessen verantwortlich und stellte schließlich den Schutz von Menschenrechten nationalstaatlichen Interessen gegenüber. Staaten und die Vereinten Nationen seien nicht geschaffen worden, nur nach humanitären Motiven zu handeln.
Deshalb brauche es ihrer Meinung nach eine realistische Anschauung auf den Staat und die Weltgemeinschaft, neue global governance Mechanismen sowie eine Entwicklung von Gemeinwohl.

Umweltgerechtigkeit und das Staudammprojekt Belo Monte

 rosa.JPG Rosa Enn sprach über Belo Monte, ein geplantes Staudammprojekt in Brasilien. 25.000 Indigene sind von diesem Projekt unmittelbar betroffen und müssten im Falle einer Errichtung zwangsumgesiedelt werden. Die Selbstbestimmung dieser Menschen werde untergraben, sie hätten wenige rechtliche Möglichkeiten sich zu ermächtigen und Gerechtigkeit im ökologischen Sinne einzufordern. Um einen ökologischen Kolonialismus zu verhindern, biete sich das Konzept der Umweltgerechtigkeit an, so die Jungforscherin. Es gehe dabei unter anderem um die Repräsentanz der indigenen Gemeinschaft auf internationaler, nationaler und regionaler
Ebene, um Selbstbestimmung und die Einforderung von Rechten sowie die Entwicklung einer langfristigen Strategie mit der brasilianischen Regierung in Bezug auf die Landnutzung in der Amazonasregion. Dafür sei es notwendig, alle involvierten AkteurInnen (Indigene, staatliche Institutionen, lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen) sichtbar zu machen und ihre Interessen innerhalb dieses Diskurses offen zu legen.

Bolivien – Ein schwacher Staat als Motor für zivilgesellschaftliche Initiativen

 simon.JPG Simon Reisenbauer setzte sich mit Inklusiver Bildung auseinander und forschte in Bolivien an einem – von einer Privatperson ins Leben gerufenen – Zentrum für Menschen mit Behinderung. Als Herausforderungen des Zentrums nannte Reisenbauer, dass innerhalb der Lehrausbildung Lernschwierigkeiten nur marginal erwähnt werden und es wenig Material und Kenntnisse über Methoden gibt. In Bezug auf die Rolle des bolivianischen Staates sprach der Jungforscher sowohl von positiven als auch von negativen Konsequenzen. Ein schwacher Staat leide zwar einerseits an einem Mangel an Gesetzesimplementierung, andererseits entstehe dadurch aber auch viel Freiraum
zur Gestaltung zivilgesellschaftlicher Initiativen. Das Engagement von Einzelpersonen, gute Kontakte und reger Austausch zwischen Schulbehörde, Zentren und Schulen ermöglichen die langsame Bildung von Strukturen, die langfristig zum Aufbau einer inklusiven kommunalen Bildungslandschaft beitragen können.

Gemeinwohl Entwicklung durch das Zusammenspiel von Gemeinschaft und Staat

 margarita_michelle.JPG Inklusive Bildung war auch das Thema von Michelle Proyer und Margarita Schiemer. Sie forschten in Äthiopien und konnten ebenfalls einen Mangel an Gesetzesimplementierungen feststellen. Die beiden Jungforscherinnen thematisierten außerdem die Unterfinanzierung des Staates und den Bewusstseinsmangel in der

Bevölkerung. Ihr Fazit: Gemeinwohl könne nur durch die Gemeinschaft entstehen, der Staat solle jedoch die Grundlagen (beispielsweise durch Gesetzesimplementierung) dafür schaffen.

Der erste sowie der letzte Beitrag zeigten sehr deutlich, dass es ein Zusammenspiel von staatlichen als auch nichtstaatlichen AkteurInnen braucht, um Gemeinwohl zu entwickeln. Simon Reisenbauer wies aber auch darauf hin, dass eine Zurückhaltung des Staates neben negativen auch positive Effekte nach sich ziehen kann.

Auch wenn die Zeit der Präsentationen knapp bemessen war und dadurch die Einblicke in die verschiedenen Forschungserfahrungen kurz waren, gaben sie doch einen Überblick, auf welche Art und mit welchem Erkenntnisgewinn sich die junge ForscherInnengeneration mit Themen von Staat und Gemeinwohl auseinandersetzt.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

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