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schriftlos = sprachlos? Alphabetisierung und Basisbildung in der marktorientierten Gesellschaft

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Österreich ist nach dem Human Development Index an Stelle 14 der Weltrangliste für „Entwicklung“ gereiht – dennoch haben viele Menschen Probleme mit Sprache und Schrift. Eine Ausgabe der bildungspolitischen Publikationsreihe schulheft befasst sich mit Hintergründen eines weitgehend unsichtbaren Problems.

01.02.2010 | Katharina Auer

Tanja hat aus eigener Kraft den Weg zu einem Grundbildungskurs geschafft, Frieder kann über seine Angst schreiben, Benedikt besuchte den „Analphabeten“-Kurs gleich dreimal und Hermann freut sich, dass er seinem Sohn etwas vorlesen kann. Menschen, deren Grundkenntnisse des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht ausreichen, um das Berufsleben und den Alltag erfolgreich zu meistern, stehen im Zentrum des 2008 erschienenen schulheft  „Alphabetisierung und Basisbildung in der marktorientierten Gesellschaft“. AutorInnen aus Bildungstheorie und -praxis bieten darin ein breites Spektrum an Beiträgen – von einer gesellschaftspolitischen kritischen Analyse des marktorientierten Bildungsbegriffs bis hin zu Information über konkrete Maßnahmen. Auch Betroffene kommen in Textfragmenten zu Wort. Für die fachfremde Leserschaft bietet dieser Band einen interessanten Einblick in individuelle und gesellschaftliche Aspekte mangelnder Basisbildung Jugendlicher und Erwachsener; für ExpertInnen eine wertvolle Bestandsaufnahme der österreichischen Situation.

Analphabetismus in Österreich – Tabu oder Selbstverständlichkeit?


Während Otto Rath aus Perspektive des Experten in Fragen Basisbildung in seinem Beitrag argumentiert, dass mangelnde Grundbildung längst kein Tabu mehr sei, mag Analphabetismus in Österreich für den/die LeserIn nicht selbstverständlich sein. So spiegeln etwa die in Raths Beitrag dargestellte Diskussion um die Bezeichnung des Problems sowie die äußerst unvollständige Erfassung der Größe desselben eine gewisse Unbehaglichkeit im Umgang mit dem Thema wider. Der Begriff „Analphabetismus“ ist zwar in der Debatte um Bildung in Entwicklungsländern weit verbreitet, wie auch Rath argumentiert, wird im österreichischen Kontext jedoch scheinbar gemieden. Die AutorInnen des Bandes verwenden durchgehend Begriffe wie „funktionaler Analphabetismus“, „mangelnde Grund- oder Basisbildung“ sowie „Alphabetisierung“.
Mangel an Grundbildung wird in diesem Band einerseits funktionell – im Sinne von mangelnden Fähigkeiten im Umgang mit geschriebenen Texten und Computer – definiert, andererseits auf der Ebene der daraus folgenden psychologischen Belastungen, Beeinträchtigungen für Arbeits- und Alltagsleben sowie der beschränkten politischen und gesellschaftlichen Partizipation analysiert.  
Die zahlenmäßige Erfassung mangelnder Grundbildung scheint ungenügend zu sein. Ferdinand Eber zitiert in seinem Beitrag die PISA Studie 2006, welche von 20% RisikoschülerInnen in Österreich ausgeht – eine Katastrophe, schließt Eder, für ein teures und funktionsfähiges Bildungssystem. Österreichweit schätzt Rath die Zahl der betroffenen Jugendlichen und Erwachsenen auf zwischen 600.000 und rund 1,3 Mio. – beruhend auf Angaben des Europäischen Parlaments aus dem Jahr 1997 (Anm., weder Statistik Austria noch Eurostat verfügen über genauere oder aktuellere Daten). Das bmukk gab auf Anfrage keine Auskunft darüber, ob Österreich 2011 an der seitens der OECD geplanten Studie zur funktionellen Bildung Erwachsener (PIAAC) teilnehmen werde.

Bildungspolitische Antworten im österreichischen und internationalen Kontext

Der zweite Teil des Bandes stellt die Situation in Deutschland (Beitrag von Monika Tröster, Mitglied der PIAAC Kommission) sowie den bildungspolitischen Auftrag der UNESCO (Bettina Rossbacher) im Zusammenhang mit Basisbildung dar. Beide Autorinnen argumentieren, dass neben höherer politischer Priorität vor allem Investitionen in Forschung und langfristige Finanzierung qualitativ hochwertiger Angebote gefordert sind.
Programme und Maßnahmen in Österreich sind in erster Linie auf Ebene der Volkshochschulen angesiedelt. Rath stellt das Programm In.Bewegung (2007-2010) vor, welches das Angebot österreichweit auf größere Städte ausdehnt und unter anderem um politische Bildung, Beratungsstellen, Ausbildung von MultiplikatorInnen und Maßnahmen zum erfolgreichen Übergang von Ausbildung zu Beruf erweitert. Antje Doberer-Bey, mittlerweile Trägerin des Staatspreises für Erwachsenenbildung 2009, betrachtet Basisbildungskurse als „Einstiegsmedium in Lernprozesse“ (S.78). Professionalität der TrainerInnen und Gestaltung der Kurse seien an diesem sensiblen Punkt der Lernbiographie der TeilnehmerInnen vorrangig, so Doberer-Bey. Mehrere Beiträge widmen sich speziell der Grundbildung und Alphabetisierung zwei- oder mehrsprachiger Menschen.

„Wer bitte sind hier die Bildungsfernen?“


Erich Ribolits, Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien, stellt die Problematik der „mangelnden Bildung“ in den breiteren Kontext der Bildungspolitik in einer kapitalistischen Gesellschaft. Er kritisiert die Definition von Bildung als „Verwertbarkeit“ auf einem kapitalistischen Arbeitsmarkt, der immer weniger Arbeitskräfte absorbieren kann, und stellt dieser die Idee von Bildung im Sinne der Fähigkeit, vorherrschende Machtverhältnisse kritisch zu erkennen und sich gegen „Systemzwänge“ behaupten zu können, entgegen. Daniela Holzer (Universität Graz) schließt an die Idee an, indem sie die Entscheidung gegen Weiterbildung als nicht ausschließlich negativ betrachtet.
Durch die Infragestellung des Bildungsbegriffs und der Notwendigkeit von Bildung im Sinne von „Wertsteigerung am Arbeitsmarkt“ wird die Debatte um mangelnde Grundbildung sowie um deren Ursachen in einen breiteren gesellschaftspolitischen Kontext gehoben. Wo diese Kritik ansetzen soll und inwiefern diese in Zusammenhang mit Basisbildung, oder eher in Bezug auf das Bildungssystem auf allen Ebenen geführt werden könnte, lässt sich diskutieren. Dazu lade ich den/die LeserIn ein, sich durch einen Blick in diese spannende Ausgabe des schulheft selbst ein Bild zu machen.

OECD Kurzbericht zu PISA 2006:  PISA.pdf  (1.96 MB) 

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.

 schriftlos.jpg schulheft 3/08 - 131
schriftlos = sprachlos?
Alphabetisierung und Basisbildung in der marktorientierten Gesellschaft
ISBN: 978-3-7065-4556-3
Studienverlag
EUR 10.60

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