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Fleischfabriken boomen – Umweltstandards sinken Teil I

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Die Erzeugung von Schweinefleisch in der EU wächst rasant mit einer Überproduktion von knapp 10 Prozent. Um diese zu exportieren, stehen im EU-Etat jährlich rund 200 Millionen Euro an Export-subventionen für Schweinefleisch bereit. Sie sind Ausdruck und Beweis für die Macht der Agrarlobby.

20.01.2010 | Christiana Schuler, Reinhild Benning

Das globalisierte Schwein hat beim Kampf der Agrarlobby um Weltmarktanteile nichts zu lachen. Es wird in riesigen Industrieställen oft zu Zehntausenden ohne Tageslicht und ohne Frischluft gehalten. Antibiotika und Zusatzstoffe verhindern, dass die Tiere unter diesen Bedingungen vorzeitig ableben. Sie fressen Futter, das auf dem Weltmarkt zusammengekauft wurde – ein großer Teil davon sind gentechnisch verändertes Soja und GVO-Mais. Dabei lehnen 80 Prozent der KonsumentInnen in Europa Gentechnik auf dem Teller ab. Unterdessen fressen sich die Sojaflächen immer weiter in den Regenwald und andere fruchtbare Gebiete. Oft werden die dort lebenden Menschen vertrieben und in absolute Armut gedrängt.
Während Europa immer mehr Schweinefleisch exportiert, bleibt die Gülle hier. Schon jetzt sind unsere Flüsse, Seen und Küstengewässer überdüngt. Schon jetzt ist Massentierhaltung die Hauptursache für Waldschäden. Um dennoch die Schweinerei ausdehnen zu können, arbeitet die Agrarlobby in Brüssel gezielt daran, für sie hinderliche Umweltgesetze auszuhebeln. Der Deutsche Bauernverband und die SchlachthofbetreiberInnen, die oft die ExporteurInnen sind, spielen dabei eine treibende Rolle. Die Bäuerinnen und Bauern in Europa dagegen geben zunehmend die Schweinehaltung auf.
Und schließlich zeigte der "Sklavenarbeiter-Skandal", dass für Billigfleisch im Discount-Regal oder Burger nicht nur beim Tier- und Umweltschutz, sondern auch beim Menschen (Arbeitsrecht) gespart wird: Der Branchenriese Thönnies beschäftigte über Leihfirmen osteuropäische SchlachthofarbeiterInnen zu Hungerlöhnen und unter extrem ausbeuterischen Verhältnissen. Einige Konzernverantwortliche wurden dafür zwar verurteilt, doch die Geldstrafen fielen so gering aus, dass sie aus der Portokasse der Leiharbeitsfirma gedeckt werden konnten.

Wachsen oder Weichen – bis das Schwein pfeift


Die durchschnittliche Zahl der Schweine pro HalterIn ist in Deutschland von 1992-2003 um mehr als das Doppelte angestiegen. 1992 kamen auf jedeN HalterIn durchschnittlich 90 Schweine, zehn Jahre später waren es schon 250. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der Schweine haltenden Betriebe von über 290.000 auf knapp 100.000 um 65% zurück.  Das Wachstum der Tierbestände und das Verschwinden der kleinen Höfe ist bei den SchweinehalterInnen demnach in rasantem Tempo vorangeschritten.
Im Zeitraum 2003 bis Mitte 2005 sind in Deutschland über 1,45 Millionen neue Schweineplätze beantragt und/oder genehmigt worden. Damit ist zu erwarten, dass die Schweinebestände in den nächsten Jahren ein neues historisches Hoch von 28 Millionen Tieren erreichen werden.

„Gülle-Tsunami“ im Kommen

Die geplanten Anlagen ballen sich im Weser-Ems-Gebiet. Über die Hälfte der zusätzlich beantragten und teilweise bereits genehmigten Schweinehaltungsanlagen werden hier gebaut. Bereits im letzten Jahrzehnt sind die Schweinebestände in diesem Gebiet um 15% angewachsen, was zu entsprechend erhöhtem Gülle- bzw. Nährstoffanfall geführt hat. Die Probleme mit Nitratüberschüssen in dieser Region werden sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen.
In Sachsen-Anhalt und Brandenburg sind Schweinemastanlagen mit einer Kapazität zwischen 75.000 und 95.000 Tierplätzen geplant.  In unterschiedlichen Stadien der Planung befinden sich solche "Megaställe" in Mahlwinkel (Ohrekreis), in Zerbst (Anhalt-Zerbst) und in Hassleben (Uckermark) mit jeweils über 80.000 geplanten Tierplätzen. Die größte Anlage ist mit 95.000 Mastplätzen in Allstedt (Sangerhausen) geplant.  Dazu kommt eine Anlage mit 75.000 Tierplätzen in Plätz bei Goldbeck im Kreis Stendal. Bereits in Betrieb sind Großmastanlagen in Sandbeiendorf, in Nordhausen und in Vetschau mit jeweils 60.000 bis 65.000 Tierplätzen.
Großanlagen in dieser Dimension bringen ein Gülleentsorgungsproblem mit sich. Wegen fehlender Richtlinien für die Genehmigungsbehörden kommt es fortgesetzt zu einer systematischen Überdüngung stallnaher Flächen. In den betroffenen Regionen spricht man vom „Gülle-Tsunami“. Insgesamt stagniert der Stickstoffüberschuss auf landwirtschaftlichen Nutzflächen auf hohem Niveau und führt somit fortgesetzt zu Nitratbildung und Nitratbelastungen im Grundwasser im ganzen Bundesgebiet.

Niedrige Umweltstandards locken Schweinemäster nach Deutschland

Kleinere konventionelle Betriebe folgen hinsichtlich Futterimport und Gülleexport zunehmend den gleichen Prinzipien wie großindustrielle Betriebe und sind daher nicht automatisch als vorteilhaft einzustufen. Gleichwohl haben Betriebe mit eigenem Flächenbesitz jederzeit die Möglichkeit, auf eine ökologische Schweinehaltung umzustellen. In Dänemark ist es daher vorgeschrieben, dass die Gülleflächen im Besitz der SchweinehalterInnen sein müssen. Diese Standards wurden notwendig, als Dänemark zum weltweit größten Schweinefleischexporteur mit stark überdüngtem Gülleland avancierte. In Deutschland jedoch fehlt die Bindung der Tierhaltung an Flächenbesitz.
In den Niederlanden hat sich offenbar herumgesprochen, dass die Gülle-Entsorgung in Deutschland weit billiger ist als in anderen EU-Ländern. Einige holländische SchweinefleischproduzentInnen haben daher ihre Schweine und ihre Güllerechte, die in den Niederlanden gehandelt werden können, verkauft und bauen mit dem Geld in Deutschland weit größere Anlagen.

Die Autorinnen sind bei BUND, Gendreck weg! und im Attac AgrarNetz aktiv. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.


Der Artikel wurde im März 2007 verfasst und basiert auf der BUND-Studie "Fleischfabriken boomen – Umweltstandards sinken. Der Boom der Massentierhaltung in Deutschland und seine Folgen für die Umwelt", verfasst von Reinhild Benning und Christiana Schuler.
landwirtschaft_boom_massentierhaltung_studie_langfassung.pdf  (1.46 MB) 

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