Solidarökonomie Kongress 2009

An die 800 Menschen verschlug es am Wochenende vom 20.-22. Feber zum Solidarökonomie Kongress nach Wien. Dort wurde drei Tage lang gemeinsam diskutiert, reflektiert, gearbeitet, gegessen, getanzt und gelacht.
Das Angebot der über 120 Workshops in den Räumlichkeiten der Universität für Bodenkultur war breit und vielfältig. Theoretische Erörterungen und praktische Beispiele beschäftigten sich mit Themen wie alternativen Geldformen, Gesundheit, Selbstverwaltung, Spielkultur, Theater, Bildung, Ernährung, Permakultur, Finanzmärkten und vielem mehr. Organisiert wurde der Kongress von einer Gruppe engagierter Menschen aus den verschiedensten sozialen Bewegungen, die sich im Herbst 2007 zum ersten Mal trafen, um in einem offenen und partizipativen Prozess solidarökonomische Prinzipien auch in der Vorbereitung zu leben.

Maschinentheater

Freitagnachmittag ging es dann endlich los und die zahlreich erschienenen TeilnehmerInnen erwartete das Eröffnungsplenum im Schwackhöferhaus der BOKU, bei dem es bald galt, auch körperlich aktiv zu werden. Nachdem einige Personen der Vorbereitungsgruppe zu Wort gekommen waren, wurde ein "Maschinentheater" nach Augusto Boal inszeniert. Eine Person nach der anderen sollte in die Mitte des Kreises gehen, um mit einer rhythmischen Bewegungen und einem Geräusch nach und nach eine Maschine zu bauen. Daraus entstand ein turbulentes Geschehen, welches das Gefühl hervorrief, trotz individueller Unterschiede ein gemeinsam funktionierendes Ganzes herstellen zu können. Leider wurde Boals Methode nicht genauer dargelegt dennoch gelang ein aktivierender Einstieg. Nun lag es an den Anwesenden, sich anhand des Programmheftes oder der erstellten Übersichtslisten, in die verschiedenen Parallelveranstaltungen aufzuteilen.

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 Maschinentheater                              Übersichtsliste


Die Qual der Wahl

In den folgenden Tagen fiel einem die Wahl zwischen den zahlreichen Workshops, Filmvorführungen, Lesungen und Diskussionsrunden ob des gewaltigen Angebots oft schwer. Die Aufzählung einiger weniger willkürlich gewählter Programmpunkte soll Einblicke in die enorme Bandbreite ermöglichen:
Die Katholische Jungschar zeigte anhand von konkreten Spielen mit den WorkshopteilnehmerInnen, dass Gewinnen alleine nicht den Reiz eines Spieles ausmacht und reflektierte die Relevanz von kooperativen Spielen für die Entwicklung eines Kindes. Auch das Stegreiftheater "Konkurrent vs. Kooperator" und die anschließende Diskussion dazu zeigte, dass Kooperation eine wesentliche menschliche Eigenschaft ist, dessen Entwicklung aber von Erziehung und Kultur abhängig ist. Das Projekt der sozialen Ökonomie in Basel verdeutlichte, wie die Werte in der lokalen Wirtschaft über Vernetzung und einer Alternativwährung verändert werden können. Gäste aus Brasilien und Deutschland ermöglichten Einblicke in die Kartierung solidarökonomischer Unternehmen sowie in die Zusammenarbeit mit brasilianischen Universitäten. Per Skype Konferenz wurde nach Serbien telefoniert, um mehr über die dortige ArbeiterInnenbewegung und selbstverwaltete Fabrik Jugoremedija zu erfahrend. Der Film "MTR Movimiento Teresa Rodrigues" gab Einblicke in die Bewegung von Arbeitslosenorganisationen in Buenos Aires, die sich durch den Aufbau selbstverwalteter Projekte der Massenarbeitslosigkeit entgegensetzen. Spät nächtens konnte man samstagabends Erasmus Schöfers Worten lauschen, der aus seinen Büchern von Erfahrungen solidarischer Ökonomie und sozialen Auseinandersetzungen erzählte. Eher lautstark ging es gleichzeitig bei der Show von Klaus Werner-Lobos zu, der mit eigenwilligem Humor die Macht multinationaler Unternehmen zu dekonstruieren versuchte.

Zusätzlich zu den vorab angekündigten Programmpunkten gab es die Möglichkeit, spontan in den Plenarteilen neue Veranstaltungen anzukündigen. In zwei Reflexions- und Vernetzungs-Open-Spaces konnten einzelne Projekte und Initiativen vorgestellt werden, die ein Kennen lernen und Vernetzen ermöglichten, zeitlich jedoch in einem knappen Rahmen gehalten wurden.

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Workshop                                          Essen im Tüwi                 

Rundherum

Auch für Verpflegung, Unterkunft und Kinderbetreuung wurde in den drei Tagen gesorgt. Im selbstverwalteten Studentenbeisl TÜWI arbeiteten fleißige Hände, um früh, mittags und abends vegetarische Kost anbieten zu können.
Bemerkenswert war nicht nur die gemeinsame wenn auch nicht immer einfache, aber letztendlich erfolgreiche Vorbereitungsarbeit, sondern auch das mitunter spontane Anpacken zahlreicher Menschen vor Ort. Viele Teilnehmende bewiesen ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Hilfsbereitschaft bei den vielen kleinen Tätigkeiten, die so ein Kongress verlangte. Solidarität und Kooperation waren eben keineswegs nur Begriffe, die auf die Workshopinhalte beschränkt gewesen wären. Auch in der Organisation des Kongresses und in den persönlichen Begegnungen wurden diese Werte von den Teilnehmenden gelebt. Der gute soziale Umgang miteinander schaffte eine überaus angenehme. Es ergaben sich aber natürlich auch viele Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Strategien zur Gesellschaftsveränderung. Dabei standen sich "RealistInnen" und "UtopistInnen" bzw. "ReformerInnen" und "Radikale" gegenüber. Den einen waren praktische Ansätze Solidarischer Ökonomie zu pragmatisch oder kapitalistisch, andere kritisierten abgehobene radikale Theorien, welche nicht verwirklichbar wären. Genau diese Debatten, sofern sie konstruktiv und respektvoll geführt werden, sind von großer Bedeutung. Der Kongress war ein wichtiger Impuls für die Zusammenführung und Vernetzung von Menschen verschiedenster politischer Herkunft und ideologischer Richtungen. Der so realisierte Dialog ist zum einen essentiell für die Reflexion der eigenen politischen Praxis und zum anderen unabdingbare Voraussetzung für weitere Kooperationen, welche erst die sozialen und politischen Kräfteverhältnisse zu verändern vermögen.

Weitere Dokumentationen auf www.solidarische-oekonomie.at.

Alle Fotos von Boris Vedernjak, weitere hier.

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